Impuls: The Dragons of Inaction

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The Dragons of Inaction

Psychological Barriers That Limit Climate Change Mitigation and Adaptation

Impulsbeitrag auf Basis des Artikels von Robert Gifford

Im ersten Impulsbeitrag möchte ich einen Artikel von Robert Gifford vorstellen, der im Mai 2011 in der Fachzeitschrift American Psychologist erschienen ist. Die American Psychologist ist das Hauptorgan der amerikanischen psychologischen Gesellschaft (American Psychological Association, APA), welche wiederum einer der weltweit größten und einflussreichsten Interessensverbände wissenschaftlich tätiger Psychologen ist. In der Fachzeitschrift finden daher vor allem Artikel Platz, welche aktuelle, wegweisende Theorien oder besonders einschlägige wissenschaftliche Ergebnisse vorweisen können.

In seinem Artikel beschreibt Gifford psychologische Barrieren, die Menschen (teilweise) daran hindern umweltfreundlich zu handeln. Dabei grenzt er psychologische Barrieren, also innerpsychische Prozesse wie zum Beispiel das Gefühlserleben, Motivation sowie Einstellungen und Wertehaltungen von strukturellen oder ökonomischen Barrieren ab. Selbstverständlich, so Gifford, können die globalen Herausforderungen, die der Klimawandel mit sich bringt, nur dann bewältigt werden, wenn nicht nur auf persönlicher Ebene, sondern auch auf struktureller Ebene Veränderungen stattfinden. Nichtsdestotrotz könne fast jeder Mensch im persönlichen Rahmen viel sparsamer, umweltschonender und nachhaltiger leben.

Dass dies noch nicht allen Menschen gleichermaßen gelingen will, schreibt Gifford den „dragons of inaction“ zu. Dabei bezieht er sich auf die mythologische Gestalt des Drachen, der in der westlichen Kultur stets als großes, bedrohliches Hindernis zwischen Menschen und einem Schatz (oder einem anderen Ziel) beschrieben wurde. Die Verbindung zum Klimawandel und umweltfreundlichem Verhalten liegt nahe: Obwohl sich beinahe alle Menschen einig sind, dass Umweltschutz und eine nachhaltige Lebensweise wichtige und erstrebenswerte Ziele sind, ist der Weg zu diesen durch eine Reihe von psychologischen Hindernissen versperrt. Und genau wie die mythologischen Drachen können auch die psychologischen Hindernisse eine Quelle von Angst und Unsicherheit sein, die letztendlich zu Untätigkeit oder Rückzugsverhalten führt.

Im Verlauf des Artikels geht Gifford nacheinander auf sieben verschiedene „Drachen“ ein, die ihrerseits jeweils auf bestimmte Art und Weise umweltfreundliches Verhalten verhindern können. Die sieben Drachen samt ihrer jeweiligen Merkmale habe ich in den folgenden Abbildungen dargestellt. Anschließend werde ich noch einmal ausführlicher auf die Drachen eingehen und Giffords Vorschläge, wie diese bekämpft werden können, zusammenfassen.

Die sieben Drachen

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An die erste Stelle der Auflistung stellt Gifford den Drachen eingeschränkte Urteilsfähigkeit und beschreibt damit eine der grundlegenden Barrieren, die umweltfreundliches Verhalten verhindern können: Viele Menschen richten ihre Aufmerksamkeit auf ihr unmittelbares Umfeld sowie die nahe Zukunft und vernachlässigen im Austausch eine ganzheitliche und langfristige Lebensplanung. Dadurch werden die Risiken von Problemen, die in der fernen Zukunft liegen, häufig nicht korrekt beurteilt oder unterschätzt. In der Folge entwickeln Menschen kein adäquates Verhalten, sondern begegnen den Problemen mit falscher Hoffnung oder geben die Verantwortung für die Lösung ab, indem sie den Glauben entwickeln, selbst nichts tun zu können.

Zu den gleichen Ergebnissen kann auch eine extreme Ausrichtung an zweifelhaften Weltanschauungen führen: Absoluter Kapitalismus und eine totale Fixierung auf persönliche Interessen auf Kosten anderer Menschen und der Natur kann nicht mit umweltfreundlichem Verhalten in Einklang gebracht werden. Ebenso werden auch weder die Natur noch der technische Fortschritt die Problematik lösen können, da die Folgen des Klimawandels (trotz der verhältnismäßig langen Zeitspanne) zu schnell und zu drastisch eintreten (werden). Menschen und Kultursysteme sind (psychologisch) noch nicht ausreichend ausgerüstet, um die Gefahren des Klimawandels auf Basis der bestehenden Gesellschaftssysteme abzuwenden; daher wird eine gewisse gesellschaftliche Veränderung unumgänglich sein.

Gesellschaftliche Normen, Werthaltungen und Einstellungen drücken sich dabei immer in sozialen Beziehungen aus und können umweltfreundliches Verhalten sowohl behindern als auch fördern. Da sich Menschen in der Regel jeweils am Gegenüber orientieren, kann eine Verhaltensänderung als unangenehm, unpassend oder ungerecht empfunden werden, falls nicht die Mehrheit der Gesellschaft Teil der Veränderung ist. Im Gegensatz dazu kann umweltfreundliches Verhalten gefördert werden, indem dieses erfolgreich in das kulturelle Selbstverständnis der Gesellschaft integriert wird.

Darüber hinaus können auf persönlicher Ebene auch versunkene Kosten einer langfristigen Verhaltensänderung entgegenwirken. Viele Menschen, die bereits ein Leben lang Zeit und Energie in einen bestimmten Lebenstraum oder Lebensstil investiert haben, werden diesen nicht aufgeben wollen; selbst wenn gleichzeitig der Wunsch besteht, dem Klimawandel entgegenzuwirken. Dies ist ein besonders bedrohlicher Drache, da Lebensträume und Lebensstile eng mit der Identität verwoben sind und eine Verhaltensänderung leicht Unsicherheit und Angst hervorrufen kann, wenn die eigene Identität als gefährdet wahrgenommen wird. Eine Verhaltensänderung kann daher nur dann erreicht werden, wenn Verhalten und Identität in Einklang gebracht werden können.

Für eine langfristige Änderung, sowohl auf gesellschaftlicher als auch auf persönlicher Ebene, ist ein Vertrauen in die politischen Akteure, Forschenden sowie tragenden Unternehmen essentiell. Besteht hingegen ein Misskredit (z.B. aufgrund von Fehlverhalten in Politik und Forschung) können Misstrauen, Ärger und sogar Wut entstehen, die sich wiederum in Verleugnung und Widerstand niederschlagen können. Daher ist vor allem auf Seite der politischen Akteure und Forschenden, aber auch auf Seite der Unternehmen und Medien eine besondere Sensibilität im Umgang mit Informationen gefragt, sodass der Entstehung von Misskredit vorgebeugt werden kann.

Falls alle bisherigen Drachen erfolgreich abgewehrt werden konnten, können dennoch wahrgenommene Risiken die tatsächliche Umsetzung des geplanten Verhaltens verhindern. Alle aufgelisteten Risiken erfüllen dabei den Zweck, Menschen vor übereilten und unangemessenen Entscheidungen zu schützen. Gleichzeitig kann eine zu starke Ausrichtung an den Risiken jedoch ebenso zu Untätigkeit oder Rückzugsverhalten führen. Daher ist eine gute Kenntnis der Kosten und Nutzen essentiell, um die tatsächlichen Risiken einer Verhaltensänderung angemessen bewerten zu können.

Als letzter und möglicherweise tückischster Drache bleibt eingeschränktes Verhalten übrig. Obwohl sich viele Menschen dazu entscheiden, verstärkt umweltfreundlich handeln zu wollen, wird nur selten ein nennenswerter Effekt in den tatsächlich relevanten Kennzahlen (z.B. CO2-Ausstoß) erreicht. Dieses Ungleichgewicht zwischen Handlungsabsicht und tatsächlichem Ergebnis liegt (unter anderem) darin begründet, dass der Einfluss bestimmter, zumeist leicht auszuführender Handlungen überschätzt wird und die für den Umweltschutz tatsächlich relevanten Handlungen weiterhin unterlassen werden. Teilweise gekoppelt mit diesem Phänomen tritt der Jo-Jo-Effekt auf, der vermutlich bereits aus der Ernährungswissenschaft bekannt ist. Eingeschränktes Verhalten kann somit auch negative Folgen hervorrufen, obwohl in der Regel gute Absichten hinter den Verhaltensänderungen stehen.

Konklusion

Am Ende bleibt die Frage, wie mit den sieben Drachen umgegangen werden kann. Für Gifford scheint festzustehen, dass die Barrieren nur dann zuverlässig und langfristig überwunden werden können, wenn mehr Informationen und mehr Wissen über diese gesammelt und verbreitet werden. In diesem Sinne kann auch der Artikel als ein Schritt auf dem Weg zu einem besseren Verständnis und einer breiteren Kenntnisnahme der Barrieren aufgefasst werden. In seiner Konklusion nimmt Gifford alle Menschen, sowohl Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft als auch Forschende und die Allgemeinbevölkerung in die Verantwortung: Angemessene und wirksame Entscheidungen, sowohl im großen, globalen als auch im kleinen, privaten Rahmen, können nur dann getroffen werden, wenn die Kosten und der Nutzen klar bemessen werden können. Wissen schafft Sicherheit und Vertrauen; unsere stärksten Mittel, um die Drachen zu überwinden. Daher sind alle Menschen, unabhängig von ihrer Lebenssituation oder ihrem Beruf, angehalten, sich nach bester Möglichkeit über den Klimawandel sowie die Auswirkungen ihrer Handlungen zu informieren, um schließlich angemessene Entscheidungen treffen zu können. Auf diese Weise, so Gifford, können die Drachen letztendlich besiegt werden.

Literatur

Gifford, R. (2011). The dragons of inaction: psychological barriers that limit climate change mitigation and adaptation. American Psychologist66(4), 290-302. https://doi.org/10.1037/a0023566

 

2 Kommentare zu “Impuls: The Dragons of Inaction

  1. Lieber Alex, danke für diese gelungene und schön zu lesende Zusammenfassung!
    Mir war das Konzept der „7 Drachen“ bisher fremd, aber es scheint eine umfassende und sinnvoll strukturierte Analyse verschiedenster Hindernisse auf dem Weg zu nachhaltigem Verhalten zu ermöglichen. Mir gefällt dabei, das neben individuellen auch strukturelle Hindernisse von den Drache abgedeckt werden.
    Ein par Gedanken allerdings zu der Verknüpfung von Einleitung und Schlussfolgerung:
    Anfangs wird dargelegt, dass letztendlich strukturelle Veränderungen notwendig sind. Das deckt sich auch mit dem Konzept der Drachen – ein Wandel hin zu persönlichem umweltfreundlichen Verhalten (im gegebenen strukturellen Rahmen) würde es lediglich mit einem Teil dieser aufnehmen können.
    Wo also steckt die Verbindung, bzw. das Moment, welches individuelles zu kollektivem Handeln werden lässt? Wo formieren sich Gruppen, die es mit den stärkeren Drachen aufnehmen können? Und stoßen diese vielleicht auf andere Hindernisse?
    Die Schlussfolgerung ist dann, dass besseres Wissen benötigt wird. Aber ist dem so? Die einleitend dargelegte Beobachtung, dass sich eine Mehrheit über die Notwendigkeit von Umweltschutz einig ist, legt doch dar dass bereits viel Wissen existiert. Überhaupt ergibt sich doch erst aus dieser Lücke zwischen existierendem Bewusstsein und mangelnder Veränderung die Notwendigkeit für eine Erklärung welche das Konzept der Drachen zu liefern versucht. Es könnte nach wie vor so sein, dass bestimmte Formen von Wissen fehlen. Der Verweis auf sicheres Bemessen von Kosten und Nutzen scheint zu suggerieren, dass solches Wissen fehlt. Aber diese Annahme scheint mir zum einen auf den Prämissen des zweiten Drachen zu fußen (Vertrauen in Marktmechanismen), zum anderen existiert auch solches Wissen spätestens seit dem Stern Report und dem Millenium Ecosystem Assessment: Die Kosten von Untätigkeit im Umweltschutz überwiegend bei weitem diejenigen einer gesellschaftlichen Transformation.
    Die Art von Wissen, die Vertrauen darstellt, scheint mir da vielversprechender zu sein. Hier sehe ich eine Verknüpfung zu dem oft zitierten Gefangenendilemma im Bezug auf die Tragödie der Commons (Hardin). Ist es nicht der Mangel an Vertrauen welcher die koagulierung von individuellen Verhaltensänderungen hin zu kollektiver Veränderung erschwert (Siehe Drache 3, Punkt zu Ungleichgewicht)? Wie also können wir Vertrauen schaffen, das gemeinsames (politisches) Handeln möglich ist? Denn mir scheint um in der RPG Allegorie der Drachen zu bleiben, dass ein gut organisierter Raid notwendig ist, der alle Drachen gleichzeitig angeht, da sie sich gegenseitig „buffen“ und „healen“ 😉

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  2. Lieber Alex, bevor ich mich in den Artikel inhaltlich vertiefe, hier mein erster Eindruck des Auftritts: Sehr ansprechend, ästhetisch und wunderbar strukturiert. Macht Lust auf mehr!

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